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Kleine Einführung ins Thema

Trauen Sie sich, in einen Medien-Großmarkt zu gehen und zu sagen: Guten Tag, ich hätte gern eine Espressomaschine? Wundern Sie sich, wenn Sie von dem 20jährigen strähnchenblondgegelten Mitarbeiter, den Sie bei seiner Unterhaltung mit Kollegen über die Abenteuer des letzten Wochenendes jäh unterbrochen haben, verwundert angesehen werden? Kapitulieren Sie vor dem Wortgeklimper, mit denen der Mann im knallroten Polo-Shirt Ihnen die zentnerschweren Monster-Maschinen nahezubringen versucht? Schließlich haben Sie vor, sich mittags einen Espresso zu gönnen und keinen Crashkurs im Bombenbau zu absolvieren. Falls Ihnen all das bekannt vorkommt, dann sind Sie bei uns richtig.

Wenn ich mir heute eine Espressomaschine kaufen will, muss ich mich zunächst wochenlang in Fachmagazinen schlau machen und mir die Nächte im Internet um die Ohren schlagen, in einschlägigen Foren nachfragen, was von einem Drehring mit Indikatorleuchten zu halten ist, ob die Abtropfschale Touch Lift manuell ein Muss ist, und welche Erfahrungen die Leute mit dem oder der Bon-Temp passiv beheizt gemacht haben, um mich nicht vor dem coolen Verkäufer zu blamieren, wenn er fragt, ob ich auf dem Vorbrüh-Aroma-System bestehe, schließlich käme auch das Cappuccinatore-Modul in Frage mit der herausnehmbaren Brühgruppe; das Schnelldampfsystem Rapid Steam sei allerdings unabdingbar. Im Laufe des Beratungsgespräches hat er bereits drei weitere hilflose Kunden an die plaudernden Kollegen an der Kasse verwiesen. Jetzt hat er beim besten Willen keine Zeit mehr für mich, weil er einen Kumpel in der Handyabteilung entdeckt hat.

Wenn ich mich dann für eine dieser gedopten Kaffeemaschinen entschieden habe, muss ich drei Tage Urlaub nehmen, um das Espresso-Cappuccino-Center zu konfigurieren. Die Gebrauchsanweisung wurde von einem Übersetzungs-Automaten geschrieben. Jetzt Sie drücken auf Problemschießen. Wenn die Filter stopft, haben sicheres Kalk in Unterführung. Sie prüfen über, ob Spannung 220 oder 110. Aber dafür gibt es ja die Freunde vom Espresso-Forum, die mir online Anweisungen geben, wie ich mein erstes italienisches Klein-Heißgetränk aus dem chromblitzenden Monster herausbekomme: Dann hilft nur den Netzstecker ziehen und alles ist wieder in Ordnung. Ich will nach dem Mittagessen einen warmen Espresso mit einem anständigen Schaum drauf. Warum ist das so schwer hinzukriegen?

Heute weiß ich, das Ganze hat System. Der Espressomaschinen-Hersteller hat in Tateinheit mit dem Elektro-Großmarkt die Endfertigung der High-Tech-Wunderwaff e an mich ausgelagert. Was mir als höchster Ausdruck meiner Individualität verkauft wird, wenn ich nach meinem Gusto die Espressomaschine programmieren darf, spart beiden Unternehmen Geld. Es ist meine Zeit und es sind meine Nerven, die ich investiere, bis der Hochleistungs-Apparat funktioniert. Bitte schön, wem es Spaß macht, der darf sich gerne seine Zeit damit vertreiben. Ich lese lieber ein schönes Buch oder gehe ins Kino. Das aber ist das Schlimme daran: Ich habe oft gar keine Wahl mehr. Wenn ich den Service, der bis vor kurzem noch selbstverständlich war, heute haben will, zahle ich mich mittlerweile zu Tode. König Kunde ist längst zum Knecht mutiert. Er hat es nur noch nicht gemerkt.

Ich hieve nach Feierabend die Bierkästen ins Auto und schleppe sie in den Keller. Früher habe ich mich damit getröstet, dass das eben mein Fitness-Studio ist. Inzwischen zieht es mir im Rücken. Der Getränkedienst hat seine Lieferungen eingestellt. Lohnt sich nicht mehr. Dafür hat er in seinen Räumen eine Bistro-Erlebniscafé-Pizzeria mit Stehtischen eingerichtet, in der er Frisbees aus der Mikrowelle mit geschmacksneutraler weißer Käsemasse belegt, die er an eilige Geschäftsleute verkauft und Pizza Margherita nennt.

Ich suche, wiege und packe mein Obst und Gemüse selbst ab. Dafür begebe ich mich zunächst auf die Suche nach der Rolle mit den Plastiktüten. Die hat ein Kunde bei den Gurken versteckt. Ich lege sie brav zurück in die Vorrichtung und zerre an der Perforation. Mit der Tüte bewaffnet, untersuche ich erst einmal sorgfältig jede einzelne Frucht, ob sie an der Druckstelle schon schimmelt. Ich wähle vier Apfelsinen aus und lege sie auf die Waage. Da beginnt das große Rätselraten. Sind das nun die Orangen aus Spanien oder die italienischen? Blutorangen? Saftorangen? Nochmals zurück zu den Apfelsinen, wo ist die Ziffer? An der Waage sind meine Orangen inzwischen von Bananen verdrängt worden. Der dazugehörige Käufer sucht mit seinen Fingern das Display ab, während ich von einem Bein aufs andere tippele. Soll ich ihm helfen? Als ich einschreiten will, entscheidet er sich für Ziffer 203, erschrickt aber bei dem Preis, denn das sind die Bio-Bananen. Er gibt vorübergehend die Waage frei, ich lege die Tüte mit den vier Orangen drauf, drücke die 89, der Zettel wird ausgespuckt, nein, das ist mir zu teuer, ich nehme eine Orange wieder raus und lege sie zurück in die Kiste. Mit einer schnellen Drehung nach links und einem angedeuteten Hüftschwung irritiere ich den Bananenmann und schaff e es noch vor ihm zur Waage, drücke erneut die 89, klebe den Preis auf und wende mich den Weintrauben zu, wo das ganze Spielchen mit Tüte und Auswahl und Waage von vorne beginnt.

Nach dem Abendessen will ich „noch schnell“ die Rechnung der Telekom ausdrucken, die mir allmonatlich gemailt wird. Ich war vor einem Jahr so töricht und habe das der Telekom gestattet, denn ich spare Nullkommafuffzig dabei. Ich gebe den Druckauftrag, dann lösche ich die Datei, denn was brauche ich meine Telefonrechnung auf dem Rechner, da merke ich, dass sich der Toner verkrümelt hat. Das ausgedruckte Papier mit der Rechnung ist blütenweiß. Drucker geben grundsätzlich zwischen 22 Uhr und Mitternacht, wenn man eigentlich längst im Bett sein will, ihren Geist auf. Ich suche die Ersatzkartusche, wie ging das nochmal mit dem Einlegen? Muss ich die Plastiklasche rechts herausziehen oder eindrücken, ging das schon immer so schwer? Wie herum muss ich die Rolle einlegen, warum klemmt es links? Die alte Kartusche kommt in die Verpackung zurück, die muss ich im Laden zurückgeben, damit sie recycelt werden kann. Ich drucke ein Probeblatt, es ist dummerweise das letzte Blatt in der Halterung. Um Papier nachzulegen, muss ich in den Keller. Die letzte Packung, ich muss unbedingt Papier kaufen. Dann liegen die Blätter wieder in Reih und Glied in der Vorrichtung. Jetzt muss ich die Telekom-Mail, die ich voreilig gelöscht habe, ein zweites Mal herunterladen. Endlich kann ich meine Rechnung ausdrucken, auf meinem Rechner, mit meinem Drucker, auf meinem Papier.

Ich bringe meine Altkleider (bitte in eine saubere Plastiktüte legen) und meine Schuhe (die Schnürsenkel verknotet!) und meine leeren Flaschen (braunes – grünes – weißes Glas getrennt, Verschlüsse bitte vorher entfernen) zum Container, damit andere mit den Rohstoff en gutes Geld verdienen. Früher haben die noch meinen Wertstoffmüll an der Haustür abgeholt. Demnächst werde ich im Supermarkt die Waren selbst einräumen dürfen – gegen einen kleinen Rabatt, versteht sich. Sie meinen, ich übertreibe? Das hat mir eine Verkäuferin einmal erzählt, dass es diese Überlegungen wirklich gibt, als ich sie beim Regal-Einräumen störte, weil ich von ihr wissen wollte, wo sie die Hefe versteckt haben.

Natürlich sind das Winzigkeiten. Aber sie summieren sich. Sie sind der Grund dafür, dass ich abends immer weniger Zeit habe, ein Buch zu lesen. Denn ich habe noch zu arbeiten. Als Handwerker, Banker, Paketbote, Reisekauffrau, Sekretärin. Jede Stunde, die ich mich durch die telefonbuch-dicken Gebrauchsanweisungen durchkämpfe, oder die ich mich im Internet sachkundig mache, können die Firmen von ihren Personalkosten abziehen. Der Unterschied zu meinen professionellen Kollegen: Ich streike nicht, nehme keinen Urlaub, werde nicht bezahlt. Stattdessen trage ich auch noch das Risiko, wenn etwas schiefgeht. Ich bin der ideale Kunde, und ich fühle mich zunehmend für dumm verkauft.

Wie so vieles, was unser Leben von Grund auf veränderte, fing auch dieses Phänomen ganz harmlos an. Ich weiß gar nicht mehr so recht, wann es genau war. Es hat sich heimlich-still-und-leise in mein Leben hineingeschlichen, so wie das zunächst völlig belanglose Ziehen im rechten Lendenwirbel. Dabei hat mir das Phänomen zugeflüstert, dass es mir helfen will, dass es mir Zeit und Geld spart, und dass ich doch noch jung genug sei für Veränderungen. Das Phänomen hat den richtigen Moment abgepasst, als es in meine Gedankengänge gekrochen ist. Ich war genervt von der Schlange vor mir, ich hatte es wieder einmal eilig. Wie jeder Mensch, der noch etwas im Leben vor hat, mag ich nicht warten. Da sah ich, dass es einen neuen Service gibt. Ich kann das, wofür ich mir gerade die Beine in den Bauch stehe, neuerdings auch am Automaten bekommen. Bei der Bank, bei der Bahn, bei der Post, beim Lebensmittelmarkt. Womöglich fasste ein Werbeschild meine Gedanken auch noch in Worte: Nimm es selbst in die Hand. Hier wurde mir die große Unabhängigkeit versprochen. Du kannst über mich verfügen, rund um die Uhr, sprach das Phänomen. Du wirst frei sein von den knappen Öffnungszeiten. Es kam wie gerufen. Nicht zu vergessen: Ich wurde mit einem Rabatt gelockt. Du zahlst weniger fürs Selbermachen, flüsterte es. Ich sagte mir also: Warum nicht?

Ich ging – es war vor gefühlten zehn, fünfzehn Jahren – zu dem Automaten hinüber oder – das war vor vielleicht fünf bis zehn Jahren – ins Internet. Heute weiß ich: das war der Moment, als ich angebissen habe, jetzt war ich an der Angel. Und wie ein Fisch, der den Haken am Gaumen spürt, dem das bald lästig ist, der aber den Haken nicht mehr abschütteln kann, werde ich seitdem den Automaten (oder das Selbermachen im Internet) nicht mehr los. Im Gegenteil. Jeder Tag birgt eine neue Schikane für mich. Denn nur ich werde älter, der Automat oder die Website wird regelmäßig durch eine neue Generation ersetzt, die neue Anforderungen an mich stellt. Kaum habe ich mir erarbeitet, wie der Bahnautomat funktioniert, wird er von einem neuen Monstrum ersetzt, das jetzt NOCH schneller, NOCH mehr, ach, Sie wissen schon, es wird NOCH komplizierter…

Von wegen Zeit sparen. Was eine Erleichterung sein sollte, hat mich längst im Würgegriff . Das Merkwürdige daran ist: Wenn der Automat nicht so reagiert, wie ich es erwarte, glaube ich, dass ich zu blöd bin für die Neuerungen der Zeit. Womöglich gar schon zu alt, das ist ja der schlimmste Gedanke; dass ich mich aber zwingen zwingen zwingen muss, weil ich sonst alsbald hinter dem Mond lebe. Das ist kein schöner Gedanke, den behalte ich lieber für mich. Ich schäme mich. Ja wirklich, ich schäme mich.

Nach vielen Gesprächen mit Leidensgenossen und mit Experten traue ich mich jetzt zu sagen: Ich bin kein Versager, wenn ich am Automaten oder im Internet mal wieder etwas nicht hinkriege, ich bin eine ganz gewöhnliche Durchschnittsniete. Wenn ich eine neue Aufgabe nicht in wenigen Minuten lösen kann, bin nicht immer ich daran schuld, sondern vielleicht auch mal der Programmierer. Er soll sich in mich hineindenken, nicht umgekehrt.

Das ist die wichtigste Regel dieses Buches: Du bist nicht allein! Software- und Automatenstress kennt jeder von uns. Nicht nur Menschen im Rentenalter, auch unsere Kinder, Schüler, Studenten und Software-Freaks – sie alle verzweifeln regelmäßig an Automaten oder auf Websites. Viele nehmen das inzwischen als gottgegeben hin. Die Jüngeren kennen oft gar nicht mehr die Möglichkeit, dass es jemanden geben könnte, der sich auskennt und ruckzuck das Gewünschte verkauft. Immer mehr Menschen sind so wie ich genervt davon, dass der Service ständig lausiger oder gar eingestellt wird. Dass wir allein gelassen werden. Dass nur einer von der Automatisierung profitiert: das Unternehmen, dessen Kunde ich bin. Dass ich längst ein unbezahlter Mitarbeiter bin. Dass es meine Freizeit ist, die ich opfere. Wenn ich Probleme habe, muss ich mich darum kümmern, dass ich das bekomme, was bis vor wenigen Jahren selbstverständlich war: ein funktionierendes Produkt.